Juni 2008 – Methode des Monats

Schnattern

„Für mich waren die Gespräche mit den Kommilitonen das Wichtigste an diesem Kurs. Da haben wir das, was allgemein besprochen wurde, noch mal für uns überprüft und geschaut, wie wir das umsetzen können.“

Das war das Statement eines Siemens-Studenten an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin (FHW) am Ende eines Kurstages zum Thema „Lern- und Arbeitsmotivation“ in der letzten Woche. Ein Grund für mich, heute über die Munterrichtsmethode „Schnattern“ zu schreiben. Sie ist ganz einfach, aber – wie die Rückmeldung des Studenten zeigt – wirksam und wichtig für den Lernprozess.

So funktioniert die Methode: Neben fachlichem Input, Diskussionen in der Gesamtgruppe oder Gruppenarbeiten, geben Sie den Lernenden immer wieder den Auftrag, mit einem Nachbarn, einer Nachbarin für ein paar Minuten zu einem speziellen Thema ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Erfolgswichtig dafür ist eine präzise Ausgangsfrage, die die Lernenden in wenigen Minuten zum Sammeln, Nachdenken, Prüfen, Überlegen, Fantasieren anregt. Schnattern eignet sich hervorragend, um Stoffsammlungen, Erörterungen und Diskussionen durch die Teilnehmer vorbereiten zu lassen. Ich setze die Technik vor allem dann ein, wenn es um die persönlichen Haltungen, die Standpunkte und Positionen der Lernenden geht. In der großen Runde käme nur ein Teil der Lernenden zu Wort. Schnatternd sind alle Teilnehmer zeitgleich aufgefordert, für sich zu überlegen, was sie denken, wie sie zu der Frage stehen und ihr eigenes Urteil zu bilden.

Natürlich haben wir letztlich keinen Einfluss darauf, worüber sich die Teilnehmer mit ihren Partnern tatsächlich unterhalten. Vielleicht nutzen einige die Gelegenheit, um sich über Kinoprogramme oder das anstehende Mittagessen auszumären … oder hemmungslos mit ihrem Schnatterpartner zu flirten … Aus zwei Gründen sehe ich das ganz gelassen: Zum einen ist die Schnatter-Zeit für die Leute vielleicht genau die Pause, auf die sie schon lange im Seminar gewartet haben, in der sie sich mit ihrem Nachbarn die eine oder andere offene Frage klären können. Und nach den 3 privaten Minuten sind sie wieder voll dabei. Zum anderen: Wissen wir, was die Leute tatsächlich denken, während sie (nicht schnatternd) im Seminarraum sitzen?

Schnattern ist eine prima Vorbereitung auf Diskussionen in der Gruppe. In den Kurzgesprächen hatten die Lernenden Gelegenheit, ihre Gedanken zu sortieren. Jetzt fällt es den meisten leicht, ihre Argumente präzise zu formulieren. So kann die Diskussion nun auf hoher Ebene geführt werden.

Schön am Schnattern ist: Die Methode lässt sich unkompliziert und spontan einbinden. Mit einer präzisen Ausgangsfrage können Sie den Ball an die Lernenden abgeben. Wenn Sie im Laufe einer Seminareinheit mehrere Schnatter-Sequenzen einbauen, dann können Sie das Ganze beleben, indem Sie die Teilnehmer mit unterschiedlichen Partnern ins Gespräch kommen lassen. Sogar im Hörsaal sind schon – ohne langes Suchen und Finden – bis zu vier Formen möglich: Nachbar rechts, Nachbar links, Vorder- und Hintermann.
Als Teilnehmer habe ich kürzlich erlebt, was passiert, wenn „Schnatterzeiten“ in Fortbildungen fehlen. Immer mehr Informationen, Modelle und Wissen wurden angehäuft. Das alles war spannend und anregend. Doch mir fehlten Momente, in denen ich die Informationen hätte verarbeiten, besprechen, bewegen und auf meine Situation übertragen können. Ein paar Schnattersequenzen mit dem Nachbarn hätten da ganz leicht für eine bessere Verarbeitung gesorgt.

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