Methode des Monats August

Brillenträgervotum oder was tun, wenn keiner antwortet?

Haben Sie das auch schon erlebt? Sie referieren in einem Seminar oder einer Vorlesung. Immer wieder versuchen Sie, den Lernenden den Ball zuzuspielen. In einem Politikkurs zum Beispiel mit dieser Frage:
„Regelmäßig wurde in den letzten Jahren eine Direktwahl des Bundespräsidenten durch die Bundesbürger diskutiert. Wie stehen Sie dazu?“

Auf Ihre Fragen und Einladungen zur Diskussion ernten Sie jedoch nur müdes Schweigen. Es scheint, als fühlte sich niemand von Ihren Angeboten und Aufforderungen angesprochen. Nach peinlicher Stille sind es immer wieder dieselben, die sich schließlich „erbarmen“ und zu Wort melden. Was in den Köpfen der anderen vorgeht, bleibt im Verborgenen.

Warum fallen die Reaktionen so spärlich aus? Trauen sich die Teilnehmer nicht, ihre Vermutungen oder Überzeugungen zu äußern? Fehlt ihnen der persönliche und aktuelle Bezug zum Thema, oder haben sie ganz einfach keine Lust, sich aufzuraffen? Möglich ist auch, dass sich die Lernenden bei Ihren Fragestellungen, die an alle 20 oder 30 Teilnehmer im Raum gerichtet sind, einfach nicht direkt genug gemeint fühlen.

Aus welchen Gründen auch immer – die Beteiligung der Gruppe so gering ist – bei manchen Schlüsselfragen wünschen Sie sich die aktive Mitarbeit möglichst aller.

Die Idee des Brillenträgervotums: Sie sprechen wenige Lernende ganz gezielt an, zum Beispiel so: „In den vergangenen Jahren wurde wiederholt diskutiert, ob der deutsche Bundespräsident anstatt durch die Bundesversammlung direkt von den Bürgern gewählt werden sollte. Wie stehen Sie zu einer Direktwahl des Bundespräsidenten? Ich wünsche mir ein Votum von allen Brillenträgern in unserer Runde.“

„Oho! Was ist das?!“, fragen sich die überraschten Teilnehmer und erkennen: „Wenn ich meine Brille aufhabe, bin ich gleich dran!“

Richtig, denn jetzt sind die 3, 5 oder 7 anwesenden Brillenträger nach Ihrer Meinung gefragt. „Sie sind Brillenträger“, sprechen Sie einen ersten Teilnehmer an, „was denken Sie über die Frage der Direktwahl?“

Reihum holen Sie die Beiträge der Brillenträger ein. „Aber was hat die Präsidentenwahl eigentlich mit Brillen zu tun?“, grübeln die Lernenden jetzt ganz berechtigt. Einen direkten Zusammenhang gibt es in diesem Beispiel nicht; es geht lediglich darum, eine mehr oder weniger zufällige Teilgruppe des Kurses auszuwählen. Natürlich können Sie sich auch pfiffige Attribute ausdenken, die zum Thema einen (möglichst nicht zu ernsten) Bezug haben. Aber im Grunde können Sie jede beliebige Gruppe unter den Lernenden ansprechen. Zum Beispiel:

  • Was sagen die Frauen dazu, was die Männer?
  • Wie urteilen die Friesen, wie die Schwaben?
  • Welche Meinung haben die Studenten mit Nebenfach Geschichte, was sagen die Leute mit Nebenfach Geographie?
  • Wie würden die Angestellten, wie die Freiberufler entscheiden?

Ich setze das Brillenträgervotum gerne ein, wenn ich die Aufmerksamkeit möglichst vieler Teilnehmer ohne großen Aufwand auf eine zentrale Frage lenken will. Wenn ich der Frage und ihren Antworten – wie im Theater mit Gong und Vorhang – einen guten „Auftritt” bereiten will.
Freuen Sie sich auf eine zweite Variante im September. Und dabei sind nicht nur die Brillenträger gefragt …

2 Responses to “Methode des Monats August”

  1. Die Brillenträgermethode ist schon pfiffig! Nur es ist eine relativ einfache Methode in frontalen Lehrveranstaltungen das Interesse der Gruppe für ein Thema zu aktivieren. Es ist ein alter pädagogischer Trick aus dem Frontalunterricht. Das gilt freilich auch heute noch und ist bequem. Nur Lernen zu lernen kann man mit den ollen Kamellen in der heutigen Zeit nicht mehr sehr effektiv. Ich finde, es ist keine sehr feine Munterrichtsmethode. Munter macht das schon, aber nicht wach! Ich halte es da trotzdem mit einem ollen Pädagogen Pestalozzi, der einen anderen Ansatz als Ziel Wissen ein zu heimsen in sich birgt:
    „den Menschen zu stärken“ und ihn dahin zu bringen, „sich selbst helfen zu können“. Mein Ansatz, das nach Pestalozzi anders zu machen bei dem oben angeführtem Thema wäre clevererweise folgendes Beispiel. Drei gelbe und drei grüne A4 Zettel bringe ich mit und verteile die an je zwei Teilnehmer nach Gefühl. Auf den 3. Zettel stehen die Spielregeln, das Ziel , der Inhalt der Unterrichtsveranstaltung und dort eventuel auch das Beispiel, die Brillenträger gegen die nicht Brillenträger als Pro und Kontra – Gruppen agieren zu lassen.
    Ich gebe das Heft dann hier aus der Hand und agiere als Moderator, manchmal als Regisseur, wenn das sinnlos ausufert. Ansonsten sitz ich auf der letzten Bank und bin einfach Zuschauer oder geh in aller Ruhe eine Zigarette rauchen, wenn es läuft.

  2. Harald Groß says:

    Hallo und guten Tag,
    ja, auch ich verstehe das Brillenträgervotum als eine ganz einfach Hilfe für Vorträge. Ziel dabei: Die Lernenden sehr schnell und ohne großen Aufwand zum Antworten, Mitdenken, Mitüberlegen ermuntern. Für mich entsteht munteres Lernen aus einem guten Mix aus aktiver Teilnehmerarbeit und Lehrvorträgen oder frontalen Teilen. Und für letztere kann das Brillenträgervotum ab und an ein guter Weg sein, einer ganz zentralen Frage die volle Aufmerksamkeit der Lernenden zu organisieren. Anders als Sie halte ich es, bei guter Dosierung, nicht für bequem sondern für einen von vielen möglichen Wegen, miteinander laut zu denken und gemeinsam zu lernen.
    Mit munteren Grüßen
    Harald Groß