Archive for September, 2008

Methode des Monats September 2008

Wednesday, September 17th, 2008

Blinde Entscheidung

„Wie schaffe ich es, möglichst viele Teilnehmer zum Mitmachen, Mitdenken, Mitentscheiden zu bewegen?“ – eine Antwort darauf bot die Methode des Monats im August – das Brillenträgervotum. Dabei war eine bestimmte Teilgruppe – die Brillenträger, Schwaben, Männer oder Frauen – direkt angesprochen. Alle Personen sind bei der „Blinden Entscheidung“ gefragt, die ich Ihnen im September vorstelle:

Mit der „Blinden Entscheidung“ können Sie die Aufmerksamkeit der Lernenden auf eine besonders wichtige Frage lenken. Zunächst weihen Sie dabei die Lernenden in das Vorgehen ein: „Ich werde Ihnen gleich eine für unser Thema wesentliche Frage stellen. Bei dieser besonderen Frage gilt auch eine besondere Spielregel für das Antworten. Und zwar diese: Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder antworten Sie mit „Ja“, dann halten Sie Ihren Daumen nach oben; oder mit „Nein“, dann halten Sie Ihren Daumen nach unten. Haben Sie die Spielregel verstanden?“

Wenn nun alle Daumen nach oben gehen, können Sie fortfahren:
„Nachdem die Regel für alle klar ist, können Sie es sich jetzt ganz gemütlich machen. Lehnen Sie sich zurück, strecken Sie die Beine aus, und machen Sie es sich so bequem wie möglich. Ich bitte Sie nun, Ihre Augen zu schließen – es wird Ihnen nichts Unangenehmes passieren. Gleich kommt die Frage. Bitte stimmen Sie mit Ihrem Daumen ab, und halten Sie Ihr Votum so lange aufrecht, bis ich Bescheid gebe.“

Wenn alle Formfragen geklärt sind, kommt Ihre Frage. Zum Beispiel diese in einem Seminar zur politischen Bildung: „Sollten Ihrer Meinung nach junge Menschen schon mit 16 den Bundestag wählen dürfen? Ja oder nein?“

Geeignet sind Fragen, die in der Regel nicht eindeutig falsch bzw. richtig beantwortet werden können. Die spannendsten Denk- und Diskussionsprozesse lösen Fragen aus, die man gewöhnlich am liebsten mit „Jein“ beantworten möchte, bei denen man hin- und hergerissen ist.

Wenn alle Lernenden mit ihrem Daumen abgestimmt haben, bitten Sie die Teilnehmer, die Daumen weiter zu halten und die Augen zu öffnen. Nun wird es spannend. Wie haben sich die anderen entschieden?

Sie können die Gruppe nun bitten, sich neu zu platzieren. Auf der einen Seite diejenigen, die mit „Ja“, auf der anderen Seite jene, die mit „Nein“ gestimmt haben. Sie können in die Runde fragen: „Sie haben mit „Ja“ geantwortet. Was hat Sie dazu bewogen?“

Häufig ist die „Blinde Entscheidung“ der Start einer lebhaften Diskussion, bei der alle Lernenden durch ihre Entscheidung beteiligt sind und persönlich Stellung bezogen haben. Das Gespräch wird von Ihnen moderiert, während die Gruppe Pro- und Kontra-Argumente sammelt und diskutiert.

Seit vielen Jahren setze ich die Methode immer wieder ein. Und immer wieder ist es für die Teilnehmer – und auch für mich spannend. Denn: Die Augen zu schließen, nicht zu wissen, was passiert, was die anderen tun – das war schon als Kinder spannend. Und es ist es noch immer!

Wer wird Millionär an der Uni II

Monday, September 15th, 2008

Bereits im März habe ich freudig über den munterrichtenden Professor aus Frankfurt berichtet. Nun freut sich RTL mit. In einem kleinen Film auf YouTube ist zu sehen, wie die muntere Vorlesungspraxis von Pharmazieprofessor Dingermann an der Universität Frankfurt aussieht. An sich ist die Sache ganz einfach: Der Professor doziert nicht nur; zwischendurch stellt er auch Fragen. Das Besondere dabei: Alle Studierenden sind angesprochen und gefordert, ihre Antwort elektronisch abzugeben. Und dann wird auf der Basis der Antworten weitergearbeitet. So bleiben die Studenten wach bei der Sache. Sie selbst sagen im Film: „Es hält einen aufmerksam!“, „Man überprüft sich selbst!“ oder „Das verhindert, dass man in den Dämmerzustand absinkt!“

Was der fragende Prof mit technischer Ausstattung für viele macht, ist prima. Denn so zieht der Lernstoff nicht einfach nur müde an den Studierenden vorbei. Sie sind aktiv eingebunden und gefragt, sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Und das erhöht ganz nebenbei die Verarbeitungstiefe und damit den Lerngewinn.

In der Methode des Monats September finden Sie in Kürze eine Idee, wie Sie auch ohne TED-System alle Lernenden am Frageprozess beteiligen können.

Versuchsküche 2 – Munterrichtsmethoden fürs Klassentreffen

Tuesday, September 9th, 2008

10, 30 oder gar 50 Jahre danach sehen wir uns nun also wieder: Beim Klassentreffen. Das ist aufregend. Wer kommt? Wie sehen die Leute aus? Im Grund gleich wie eh und je oder ganz verändert und fremd? Wie leicht fällt es, miteinander ins Gespräch zu kommen? Was wird das für ein Abend – so viele Jahre danach?

Ursula Winterscheidt, eine Leserin und Nutzerin der Munterrichtsmethoden, schrieb mir. Sie freut sich auf das Treffen ihrer Volksschulklasse in wenigen Tagen und fragt, ob sich das Treffen mit ein paar Varianten der Munterrichtsmethoden bereichern lässt.

Eine schöne Anfrage. Hier kommen meine ersten Ideen:

Erinnerungsgang („Lehr-Lern-Gang“, Seite 62)

Sammeln Sie im Organisationsteam Begriffe und Ereignisse aus der Schulzeit, zum Beispiel Namen von Lehrern, Mitschülern, Ausflüge, besondere Themen, aufregende Situationen usw. Schreiben Sie diese Begriffe gut lesbar auf A4-Bögen, zum Beispiel: „Herr Biber“, „Sprachlabor“, „Schullandheim im Burgund“ usw. Hängen Sie die Bögen im Lokal, in dem Sie sich treffen rund herum an den Wänden auf, legen Sie sie an Tischen aus. In der Start- und Ankommensphase bilden Sie per Los Paare unter den alten Vertrauten. Jedes Paar hat nun die schöne Aufgabe – vielleicht mit einem Glas Sekt – von Exponat zu Exponat zu gehen und sich darüber auszutauschen. So kehren ganz sanft Erinnerungen zurück – und die Gespräche kommen in Schwung. Und: Man bewegt sich auch ein wenig und sitzt nicht nur!

Lügenspiel

Zu Beginn des Klassentreffens begrüßen sie die Kameradinnen und Kameraden. Jeder Teilnehmer erhält einen A4-Bogen, auf dem drei Fragen stehen. Zum Beispiel diese: „Diesen Kindheitstraum habe ich verwirklicht“, „Über diese Episode aus unserer Schulzeit muss ich manchmal heute noch lachen“, „Eine Besonderheit aus meinem heutigen Leben“. Nun haben alle die Aufgabe, die drei Fragen zu beantworten. Allerdings gilt es, bei einer der drei Antworten eine Lüge einzubauen. Wenn alle ihr Antworten eingetragen haben, bitten Sie die Schulkollegen, aufzustehen und sich – mit einem Kreppklebestreifen – ihren Bogen auf ihren Rücken zu kleben. Jeder Teilnehmer bekommt nun Moderationsklebepunkte in Anzahl der Teilnehmer. Dann geht es los. Alle haben die Aufgabe, umherzugehen und die Lügenpunkte dort anzubringen, wo sie die Lüge des Mitschülers, der Mitschülerin vermuten. Wenn alle Punkte geklebt sind, bitten Sie die Teilnehmer, die Bögen abzunehmen und kurz das Ergebnis vorzustellen. Bei Peter könnte das zum Beispiel so aussehen: „Mir ist es ganz gut gelungen, euch in die Irre zu führen. Meinen Kindheitstraum vom großen Baumhaus habe ich mir – für meine Söhne – inzwischen tatsächlich erfüllt. Es stimmt auch, dass ich immer wieder über den falschen Feueralarm lachen muss, denn wir kurz vor den Prüfungen ausgelöst haben. Gelogen habe ich allerdings hier: Ich fahre keinen Porsche. Ich lebe in Berlin und habe gar kein Auto.“ Das ganze macht Spaß und beschert viele Themen für die ersten Gespräche …

Erinnerungen von A bis Z („Von A bis Z“, Seite 54)

Sammeln Sie mit den Mitschülern Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit. Das geht ganz einfach. An ein, zwei Stellen hängen Sie im Lokal einen Flip Chart Bogen mit den Buchstaben von A bis Z auf und der Überschrift „Erinnerungen an unsere Schulzeit“. Dabei liegen Stifte. Irgendjemand – vielleicht Sie – beginnt im Laufe des Abends, Erinnerungen mit den entsprechenden Anfangsbuchstaben einzutragen. So entsteht eine anregende Erinnerungswand.

Soviel Ideen aufs erste von mir. Haben Sie weitere? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

Versuchsküche 1 – Konklave

Friday, September 5th, 2008

Juhu – los geht’s in der Versuchsküche. Ich starte mit dem „Konklave“, einem munterrichtsmethodischen Experiment, das ich schon einige Jahre erprobe.
Genauer gesagt seit April 2005, als nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. ein neuer Papst gewählt wurde.

Die ganze Welt blickte in diesen Frühlingstagen nach Rom und war gespannt, was sich hinter den verschlossenen Türen des Vatikans abspielte. Ich war beim Seminar in München und auch in den Pausen wurde spekuliert, was die 107 Herren in der Sixtinischen Kapelle taten … Die Spannung war groß!

Große Spannung – eine Steilvorlage für munteren Unterricht. Denn auch im Seminar lässt sich ein Konklave abhalten.

Voraussetzung dafür ist eine Aufgabe, bei der die Teilnehmer zu einer gemeinsamen Lösung gelangen sollen. Im Kurs „Marketing für Mittelständler“ könnte das zum Beispiel so aussehen: Am Vormittag hat der Dozent die Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Grenzen von Onlinemarketing vorgestellt. Nach dem Essen berichtet er von einem konkreten Fall: „Die Sconza-GmbH stellt seit 29 Jahren französische Genussprodukte her. Nun stellt sich die Geschäftsleitung die Frage, ob und wie Online-Marketing eine gewinnbringende Werbestrategie sein könnte. Der Dozent berichtet noch ein wenig ausführlicher über das Unternehmen. Schließlich fragt er die Teilnehmer: „Was denken Sie? Würden Sie der Sconza-GmbH Online Marketing empfehlen? Wenn ja, wie würden Sie vorgehen? Wenn nein, welche Marketingstrategien würden Sie dem Unternehmen empfehlen?“

Auf einem Flip Chart hat der Trainer die vorgestellten Fragen visualisiert. Nun könnte er den Fall im Dialog mit der Gruppe besprechen. Er könnte auch drei Teams bilden, die die Aufgabe bearbeiten und anschließend ihre Ergebnisse vorstellen. Mit beiden Wegen hat die Gruppe aber bereits gearbeitet. Deshalb entschließt sich der Referent zu folgendem Auftrag:

„Ich bitte Sie, eine gemeinsame Lösung zu den Fragen der Sconza-GmbH zu finden. Ziehen Sie sich – wie die Kardinäle bei der Papstwahl im Konklave – mit der Aufgabe zurück. Schließen Sie sich hier zusammen. Sie brauchen keinen Papst zu wählen. Ihre Aufgabe ist es, Antworten und Lösungsvorschläge zu unserer Fallfrage zu finden. Dazu werde ich Sie gleich alleine lassen. Es liegt ganz bei Ihnen, wie Sie zur Lösung kommen und wie viel Zeit Sie sich nehmen. Melden Sie sich, wenn Sie fertig sind. Ich erwarte Ihr Zeichen.“

Nach kurzer Nachfrage, ob den Teilnehmern die Aufgabe klar ist, verlässt der Dozent den Raum, schließt die Tür. Die Kardinäle bleiben allein zurück …

Das lateinische Wort „Konklave“ kommt von con claudere, gemeinsam einschließen. Natürlich werden die Teilnehmer hier nicht tatsächlich eingeschlossen. Das wäre unverantwortlich. Die Tür ist zu – und nur die Teilnehmer von innen sollen sie öffnen, wenn sie die Aufgabe gelöst haben.

Nun ist die Gruppe allein. Jetzt wird es spannend, denn alle Verantwortung liegt bei den Kardinälen. „Wer sagt den ersten Satz?“, „Wie gehen wir vor?“, „Wer moderiert?“, „Wie gelangen wir zu einer Entscheidung?“, „Wie viel Zeit nehmen wir uns?“. Das bringt Spannung in den Seminaralltag!

Ich habe schon Gruppen erlebt, die das Konklave zu Höchstformen motiviert hat. Stolz haben mir die „Kardinäle“ anschließend ihre Ideen und Lösungen präsentiert.

Und: Die muntere Methode hat es auch für uns Dozenten in sich. Denn: Mit dem Verlassen des Raumes geben wir alle Verantwortung ab. Jetzt gilt es zu vertrauen – allein die Kardinäle bestimmen, wann ihre Entscheidung fällt …

Was denken Sie zum „Konklave“? Haben Sie Lust, die Methode auszuprobieren und über Ihre Erfahrungen zu berichten? Wir sind neugierig!

Neu im Munterrichtsmethodenblog – Versuchsküche geht an den Start!

Friday, September 5th, 2008

Liebe Blog-Leser,

wir öffnen einen weiteren spannenden Raum auf unserem Blog und lassen Sie ab heute regelmäßig in unsere munterrichtsmethodische Versuchsküche spähen. Dort wird eifrig experimentiert. Unsere Zutaten sind Lernziele, Arbeitsformen, kreative Ideen, ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen sowie unsere munterrichtsmethodischen Erfahrungen im Seminaralltag. Unser Ziel: Neue Variationen, neue Kreationen entwickeln und die Sammlung der Munterrichtsmethoden laufend erweitern.

Schauen Sie uns beim Testkochen über die Schultern.
Probieren Sie unsere Versuchsrezepte.
Und berichten Sie, welche Erfahrungen, welche Ideen Sie zu unseren Testkostproben haben.

Genug der Vorworte. Jetzt wird losgekocht – heute mit dem „Konklave“. Dieses munterrichtsmethodische Experiment ist reif für die Versuchsküche. Denn damit experimentieren wir schon eine ganze Weile.

Wir freuen uns, wenn Sie aktiv „mitkochen“!

Harald Groß