Versuchsküche 1 – Konklave

Juhu – los geht’s in der Versuchsküche. Ich starte mit dem „Konklave“, einem munterrichtsmethodischen Experiment, das ich schon einige Jahre erprobe.
Genauer gesagt seit April 2005, als nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. ein neuer Papst gewählt wurde.

Die ganze Welt blickte in diesen Frühlingstagen nach Rom und war gespannt, was sich hinter den verschlossenen Türen des Vatikans abspielte. Ich war beim Seminar in München und auch in den Pausen wurde spekuliert, was die 107 Herren in der Sixtinischen Kapelle taten … Die Spannung war groß!

Große Spannung – eine Steilvorlage für munteren Unterricht. Denn auch im Seminar lässt sich ein Konklave abhalten.

Voraussetzung dafür ist eine Aufgabe, bei der die Teilnehmer zu einer gemeinsamen Lösung gelangen sollen. Im Kurs „Marketing für Mittelständler“ könnte das zum Beispiel so aussehen: Am Vormittag hat der Dozent die Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Grenzen von Onlinemarketing vorgestellt. Nach dem Essen berichtet er von einem konkreten Fall: „Die Sconza-GmbH stellt seit 29 Jahren französische Genussprodukte her. Nun stellt sich die Geschäftsleitung die Frage, ob und wie Online-Marketing eine gewinnbringende Werbestrategie sein könnte. Der Dozent berichtet noch ein wenig ausführlicher über das Unternehmen. Schließlich fragt er die Teilnehmer: „Was denken Sie? Würden Sie der Sconza-GmbH Online Marketing empfehlen? Wenn ja, wie würden Sie vorgehen? Wenn nein, welche Marketingstrategien würden Sie dem Unternehmen empfehlen?“

Auf einem Flip Chart hat der Trainer die vorgestellten Fragen visualisiert. Nun könnte er den Fall im Dialog mit der Gruppe besprechen. Er könnte auch drei Teams bilden, die die Aufgabe bearbeiten und anschließend ihre Ergebnisse vorstellen. Mit beiden Wegen hat die Gruppe aber bereits gearbeitet. Deshalb entschließt sich der Referent zu folgendem Auftrag:

„Ich bitte Sie, eine gemeinsame Lösung zu den Fragen der Sconza-GmbH zu finden. Ziehen Sie sich – wie die Kardinäle bei der Papstwahl im Konklave – mit der Aufgabe zurück. Schließen Sie sich hier zusammen. Sie brauchen keinen Papst zu wählen. Ihre Aufgabe ist es, Antworten und Lösungsvorschläge zu unserer Fallfrage zu finden. Dazu werde ich Sie gleich alleine lassen. Es liegt ganz bei Ihnen, wie Sie zur Lösung kommen und wie viel Zeit Sie sich nehmen. Melden Sie sich, wenn Sie fertig sind. Ich erwarte Ihr Zeichen.“

Nach kurzer Nachfrage, ob den Teilnehmern die Aufgabe klar ist, verlässt der Dozent den Raum, schließt die Tür. Die Kardinäle bleiben allein zurück …

Das lateinische Wort „Konklave“ kommt von con claudere, gemeinsam einschließen. Natürlich werden die Teilnehmer hier nicht tatsächlich eingeschlossen. Das wäre unverantwortlich. Die Tür ist zu – und nur die Teilnehmer von innen sollen sie öffnen, wenn sie die Aufgabe gelöst haben.

Nun ist die Gruppe allein. Jetzt wird es spannend, denn alle Verantwortung liegt bei den Kardinälen. „Wer sagt den ersten Satz?“, „Wie gehen wir vor?“, „Wer moderiert?“, „Wie gelangen wir zu einer Entscheidung?“, „Wie viel Zeit nehmen wir uns?“. Das bringt Spannung in den Seminaralltag!

Ich habe schon Gruppen erlebt, die das Konklave zu Höchstformen motiviert hat. Stolz haben mir die „Kardinäle“ anschließend ihre Ideen und Lösungen präsentiert.

Und: Die muntere Methode hat es auch für uns Dozenten in sich. Denn: Mit dem Verlassen des Raumes geben wir alle Verantwortung ab. Jetzt gilt es zu vertrauen – allein die Kardinäle bestimmen, wann ihre Entscheidung fällt …

Was denken Sie zum „Konklave“? Haben Sie Lust, die Methode auszuprobieren und über Ihre Erfahrungen zu berichten? Wir sind neugierig!

3 Responses to “Versuchsküche 1 – Konklave”

  1. Hallo!

    Ich gebe auch Seminare (zum Thema Büro- und Selbstmanagement) und suche immer nach neuen Methoden, den Teilnehmern den Stoff so schmackhaft wie möglich zu machen. Besonders schwierig finde ich es, sie davon zu überzeugen, dass sie wirklich etwas ändern können. Vielleicht gibt es ja mal einen Beitrag dazu. Ich könnte mir etwas ähnliches dazu vorstellen, wie die Konklave.

    Viele Grüße Svenja Elsner

  2. Harald Groß says:

    Hallo Frau Elsner,

    “Wirklich etwas ändern können” – Ganz spontan dazu folgende Ideen:

    Bitten Sie die Teilnehmer, in der letzten Einheit des Seminars, eine “Inventur” der Ideen und Methoden zu machen, die im Laufe des Kurses benannt, entwickelt wurden. Auf Karten oder am Flip Chart hat die Gruppe die Aufgabe, alles zusammenzutragen, was man im eigenen Büro- oder Selbstmanagement machen könnte. Das könnte zum Beispiel so aussehen: “ALPEN-Methode anwenden”, “Wochenziele formulieren”, “einen Paten für wichtige Projekte benennen”, usw. Wenn die Liste vorliegt, erklären sie: “Das sind viele gute Ideen. Die Kunst ist nun, EINE dieser Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. Ich bitte Sie, sich EINE Idee oder Technik auszusuchen, die Sie ab morgen nutzen, einführen, umsetzen wollen. Manche Teilnehmer werden protestieren und klagen: “Was, nur eine Idee?” Beharren Sie darauf und bitten Sie die Teilnehmer diese eine Idee nun genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei könnte zum Beispiel die Methode “Schema X” (Buch Seite 72) hilfreich sein. Die Teilnehmer erhalten Fragen, mit denen Sie das eine gewählte Vorhaben für die Umsetzung vorbereiten sollen. Dies sind zum Beispiel Fragen wie: “Was genau is mein Ziel”, “Woran merke ich, dass ich es erreicht habe?”, “Was könnte mir im Weg stehen, mich an der Umsetzung hindern?”, “Wie kann ich diesen Hindernissen begegnen?”
    So fordern Sie die Lernenden auf, sich mit ihren möglichen Hindernissen schon jetzt ganz aktiv und ganz konkret auseinander zu setzen. Am Ende könnte eine muntere Runde stehen, in der jeder Lernende SEINE Idee, SEIN Vorhaben vorstellt und berichtet, wie er es anpackt. Noch munterer wirds, wenn jeder einen Paten aus der Gruppe zieht, der in den nächsten Wochen nachfragen wird, was aus dem Vorhaben geworden ist …

    Soviel fürs Erste. Noch ein Lesetipp: “Der längere Atem” von George Leonard. Der Autor stellt vor, wie wir Einfluss auf unseren Erfolg nehmen können. Ich werde dazu nächste Woche im Blog berichten.

    Mit munteren Grüßen
    Harald Groß

  3. Barbara Barkholz says:

    Hallo Herr Groß,

    ich habe die “Konklave” in einem etwas anderen Kontext ausprobiert und es funktioniert wunderbar. Am Anfang des zweiten Tages sollen die Teilnehmer ein Schauspiel vorbereiten, als Zusammenfassung des ersten Tages. Dazu werden Rollen verteilt. Wenn die Aufgabe klar ist, verlasse ich den Raum für eine halbe Stunde mit den Worten: “Bereiten Sie sich vor, in einer halben Stunde möchte ich die Premiere des Schauspiels sehen. Eine Generalprobe empfiehlt sich.” Es ist wirklich interessant, wie nach den ersten Minuten “Lähmung” die meisten Gruppen richtig kreativ werden, den Raum umgestalten und sich koordinieren. Es ist wirklich wichtig aus dem Raum zu gehen und die Gruppe alleine zu lassen. Sonst wird es kein “Schauspiel” sondern eine einfache Wiederholung.

    Schönen Gruß
    Barbara Barkholz