Wie kann ich Gruppen intensiv Texte lesen und verstehen lassen?

Eine Idee aus Bielefeld

Letzten Freitag durfte ich 14 Dozentinnen und Dozenten an der Universität Bielefeld mit einer Auswahl von Munterrichtsmethoden vertraut machen. Mit Offenheit und Neugier haben wir einen Tag lang Methoden ausprobiert. Die Bielefelder Unidozenten haben munter experimentiert – und viele neue Ideen beigesteuert. Eine Methodenidee beschäftigt mich besonders, und deshalb möchte ich sie heute in die Versuchsküche bringen. Noch ist es nicht ganz ausgegoren. Genau richtig für die Versuchsküche im Blog!

Es ist eine Lesemethode. Und nach Lesemethoden halte ich schon länger Ausschau. So funktioniert sie:

Ich habe Texte und will, dass die Lernenden sich mit den Inhalten intensiv vertraut machen.  Damit die Methode X (ich habe noch keinen richtig passenden Namen gefunden) funktioniert, brauche ich drei oder vier gleich umfangreiche Texte. Jeder der Texte muss einzeln zu verstehen sein – zunächst ohne das Wissen der zwei oder drei anderen. Im Beispiel eines Seminars zum politischen System der BRD könnte es um die Kanzlerschaften gehen. Ich habe kurze Texte (ca. 2 Seiten) zu den ersten vier Kanzlerschaften, also Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt.

Nun bilde ich flott Gruppen. Bei 16 Teilnehmern vier Gruppen mit je vier Mitgliedern. Jede dieser Kerngruppen erhält ein Paket mit vier verschiedenen Texten. (zu Adenauer, Erhard …) Die Teilnehmer der Kerngruppe verteilen die Texte untereinander. Dann gibt es Lesezeit, in denen alle Teilnehmer ihren Text lesen.

Nach ca. 20 Minuten rufe ich die Leute aus der Lesezeit zurück und bitte sie, in neuer Formationen zusammenzukommen. Jetzt treffen sich alle Menschen, die den gleichen Text gelesen haben. Also alle Kiesinger-Leser kommen zusammen. In dieser Expertengruppe “Kiesinger” tauschen sich die vier Leser über den Text aus. Sie erarbeiten miteinander, was sie für wesentlich halten und bereiten sich so auf den nächsten Schritt vor.

In Schritt 3 nämlich verlassen die Kiesinger-Leute ihre Expertengruppe. Nun kommen sie wieder mit den Kollegen von Schritt 1, mit ihrer Kerngruppe zusammen. Die vier Menschen haben inzwischen unterschiedliche Texte gelesen. Zu Adenauer, Erhard, Kiesinger und Brandt. Jetzt stellen sie sich reihum die Inhalte ihrer Texte vor und diskutieren darüber.

So haben alle Teilnehmer Informationen zu allen Texten. Klar: Der Text, den ich selbst bearbeitet  und wiedergegeben habe, ist mir besonders vertraut. Bei den anderen drei Texten hängt es davon ab, wie gut mir die Kollegen die Sache erklären konnten.

Mir gefällt an der Idee, dass sie die Lernenden zum konsequenten “Ausatmen”, also Wiedergeben und Erklären der Texte fordert. Und dass die Teilnehmer ganz alleine Texte erschließen.

Ich will es bald ausprobieren. Noch frage ich mich, wie es danach weitergeht? Ist die Sache beendet? Geht man die Texte noch einmal gemeinsam durch? Experimentieren ist angesagt. Ich freue mich über Ideen und Erfahrungen der Blogleser!

2 Responses to “Wie kann ich Gruppen intensiv Texte lesen und verstehen lassen?”

  1. mit Interesse lese ich den neuesten Artikel mit einem Ergebnis der
    Tagung in Bielefeld. Der Aufbau der Lese(Lern-)schritte erinnert mich
    sehr an eine Methode, die am Bodensee als WELL-Methode aktuell ist:
    Wechselseitiges Lehren und Lernen
    Das hat an der PH-Weingarten Prof. Diethelm Wahl und an der Realschule
    Markdorf Rektor Roland Hepting entwickelt.
    Das Kultusministerium Baden-Württemberg stellt die Methode auf einer
    Seite in seinem Schulportal vor:
    http://www.schule-bw.de/schularten/grundschule/3gsinfos/8well/theorie/01
    _start.html
    Die Frage nach dem “wie geht es nach dem Vorstellen der Texte weiter?”
    beantwortet Wahl (für Schüler) so: Die Teilnehmer beantworten
    Fragen zum Text. Dazu brauchen sie die Kenntnisse aus dem “eigenen” Text
    und die Informationen aus der Vorstellung/Diskussion durch und mit den
    Experten – selber sind dabei Experte für ihren “ersten” Text.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass als die Gruppe auch einen dichten Text
    im Stil einer Zeitungsnachricht erarbeiten muss, der die wichtigsten
    Informationen richtig enthält.

  2. Reiners says:

    diese Methode erinnert mich sehr an das sogenannte “Gruppenpuzzle”. Beim “Ausatmen” wird eine neue daran aufbauende Frage von den jeweiligen Gruppen bearbeitet.