Archive for the ‘Versuchsküche’ Category

Wie kann ich Gruppen intensiv Texte lesen und verstehen lassen?

Sunday, February 15th, 2009

Eine Idee aus Bielefeld

Letzten Freitag durfte ich 14 Dozentinnen und Dozenten an der Universität Bielefeld mit einer Auswahl von Munterrichtsmethoden vertraut machen. Mit Offenheit und Neugier haben wir einen Tag lang Methoden ausprobiert. Die Bielefelder Unidozenten haben munter experimentiert – und viele neue Ideen beigesteuert. Eine Methodenidee beschäftigt mich besonders, und deshalb möchte ich sie heute in die Versuchsküche bringen. Noch ist es nicht ganz ausgegoren. Genau richtig für die Versuchsküche im Blog!

Es ist eine Lesemethode. Und nach Lesemethoden halte ich schon länger Ausschau. So funktioniert sie:

Ich habe Texte und will, dass die Lernenden sich mit den Inhalten intensiv vertraut machen.  Damit die Methode X (ich habe noch keinen richtig passenden Namen gefunden) funktioniert, brauche ich drei oder vier gleich umfangreiche Texte. Jeder der Texte muss einzeln zu verstehen sein – zunächst ohne das Wissen der zwei oder drei anderen. Im Beispiel eines Seminars zum politischen System der BRD könnte es um die Kanzlerschaften gehen. Ich habe kurze Texte (ca. 2 Seiten) zu den ersten vier Kanzlerschaften, also Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt.

Nun bilde ich flott Gruppen. Bei 16 Teilnehmern vier Gruppen mit je vier Mitgliedern. Jede dieser Kerngruppen erhält ein Paket mit vier verschiedenen Texten. (zu Adenauer, Erhard …) Die Teilnehmer der Kerngruppe verteilen die Texte untereinander. Dann gibt es Lesezeit, in denen alle Teilnehmer ihren Text lesen.

Nach ca. 20 Minuten rufe ich die Leute aus der Lesezeit zurück und bitte sie, in neuer Formationen zusammenzukommen. Jetzt treffen sich alle Menschen, die den gleichen Text gelesen haben. Also alle Kiesinger-Leser kommen zusammen. In dieser Expertengruppe “Kiesinger” tauschen sich die vier Leser über den Text aus. Sie erarbeiten miteinander, was sie für wesentlich halten und bereiten sich so auf den nächsten Schritt vor.

In Schritt 3 nämlich verlassen die Kiesinger-Leute ihre Expertengruppe. Nun kommen sie wieder mit den Kollegen von Schritt 1, mit ihrer Kerngruppe zusammen. Die vier Menschen haben inzwischen unterschiedliche Texte gelesen. Zu Adenauer, Erhard, Kiesinger und Brandt. Jetzt stellen sie sich reihum die Inhalte ihrer Texte vor und diskutieren darüber.

So haben alle Teilnehmer Informationen zu allen Texten. Klar: Der Text, den ich selbst bearbeitet  und wiedergegeben habe, ist mir besonders vertraut. Bei den anderen drei Texten hängt es davon ab, wie gut mir die Kollegen die Sache erklären konnten.

Mir gefällt an der Idee, dass sie die Lernenden zum konsequenten “Ausatmen”, also Wiedergeben und Erklären der Texte fordert. Und dass die Teilnehmer ganz alleine Texte erschließen.

Ich will es bald ausprobieren. Noch frage ich mich, wie es danach weitergeht? Ist die Sache beendet? Geht man die Texte noch einmal gemeinsam durch? Experimentieren ist angesagt. Ich freue mich über Ideen und Erfahrungen der Blogleser!

Versuchsküche 2 – Munterrichtsmethoden fürs Klassentreffen

Tuesday, September 9th, 2008

10, 30 oder gar 50 Jahre danach sehen wir uns nun also wieder: Beim Klassentreffen. Das ist aufregend. Wer kommt? Wie sehen die Leute aus? Im Grund gleich wie eh und je oder ganz verändert und fremd? Wie leicht fällt es, miteinander ins Gespräch zu kommen? Was wird das für ein Abend – so viele Jahre danach?

Ursula Winterscheidt, eine Leserin und Nutzerin der Munterrichtsmethoden, schrieb mir. Sie freut sich auf das Treffen ihrer Volksschulklasse in wenigen Tagen und fragt, ob sich das Treffen mit ein paar Varianten der Munterrichtsmethoden bereichern lässt.

Eine schöne Anfrage. Hier kommen meine ersten Ideen:

Erinnerungsgang („Lehr-Lern-Gang“, Seite 62)

Sammeln Sie im Organisationsteam Begriffe und Ereignisse aus der Schulzeit, zum Beispiel Namen von Lehrern, Mitschülern, Ausflüge, besondere Themen, aufregende Situationen usw. Schreiben Sie diese Begriffe gut lesbar auf A4-Bögen, zum Beispiel: „Herr Biber“, „Sprachlabor“, „Schullandheim im Burgund“ usw. Hängen Sie die Bögen im Lokal, in dem Sie sich treffen rund herum an den Wänden auf, legen Sie sie an Tischen aus. In der Start- und Ankommensphase bilden Sie per Los Paare unter den alten Vertrauten. Jedes Paar hat nun die schöne Aufgabe – vielleicht mit einem Glas Sekt – von Exponat zu Exponat zu gehen und sich darüber auszutauschen. So kehren ganz sanft Erinnerungen zurück – und die Gespräche kommen in Schwung. Und: Man bewegt sich auch ein wenig und sitzt nicht nur!

Lügenspiel

Zu Beginn des Klassentreffens begrüßen sie die Kameradinnen und Kameraden. Jeder Teilnehmer erhält einen A4-Bogen, auf dem drei Fragen stehen. Zum Beispiel diese: „Diesen Kindheitstraum habe ich verwirklicht“, „Über diese Episode aus unserer Schulzeit muss ich manchmal heute noch lachen“, „Eine Besonderheit aus meinem heutigen Leben“. Nun haben alle die Aufgabe, die drei Fragen zu beantworten. Allerdings gilt es, bei einer der drei Antworten eine Lüge einzubauen. Wenn alle ihr Antworten eingetragen haben, bitten Sie die Schulkollegen, aufzustehen und sich – mit einem Kreppklebestreifen – ihren Bogen auf ihren Rücken zu kleben. Jeder Teilnehmer bekommt nun Moderationsklebepunkte in Anzahl der Teilnehmer. Dann geht es los. Alle haben die Aufgabe, umherzugehen und die Lügenpunkte dort anzubringen, wo sie die Lüge des Mitschülers, der Mitschülerin vermuten. Wenn alle Punkte geklebt sind, bitten Sie die Teilnehmer, die Bögen abzunehmen und kurz das Ergebnis vorzustellen. Bei Peter könnte das zum Beispiel so aussehen: „Mir ist es ganz gut gelungen, euch in die Irre zu führen. Meinen Kindheitstraum vom großen Baumhaus habe ich mir – für meine Söhne – inzwischen tatsächlich erfüllt. Es stimmt auch, dass ich immer wieder über den falschen Feueralarm lachen muss, denn wir kurz vor den Prüfungen ausgelöst haben. Gelogen habe ich allerdings hier: Ich fahre keinen Porsche. Ich lebe in Berlin und habe gar kein Auto.“ Das ganze macht Spaß und beschert viele Themen für die ersten Gespräche …

Erinnerungen von A bis Z („Von A bis Z“, Seite 54)

Sammeln Sie mit den Mitschülern Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit. Das geht ganz einfach. An ein, zwei Stellen hängen Sie im Lokal einen Flip Chart Bogen mit den Buchstaben von A bis Z auf und der Überschrift „Erinnerungen an unsere Schulzeit“. Dabei liegen Stifte. Irgendjemand – vielleicht Sie – beginnt im Laufe des Abends, Erinnerungen mit den entsprechenden Anfangsbuchstaben einzutragen. So entsteht eine anregende Erinnerungswand.

Soviel Ideen aufs erste von mir. Haben Sie weitere? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

Versuchsküche 1 – Konklave

Friday, September 5th, 2008

Juhu – los geht’s in der Versuchsküche. Ich starte mit dem „Konklave“, einem munterrichtsmethodischen Experiment, das ich schon einige Jahre erprobe.
Genauer gesagt seit April 2005, als nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. ein neuer Papst gewählt wurde.

Die ganze Welt blickte in diesen Frühlingstagen nach Rom und war gespannt, was sich hinter den verschlossenen Türen des Vatikans abspielte. Ich war beim Seminar in München und auch in den Pausen wurde spekuliert, was die 107 Herren in der Sixtinischen Kapelle taten … Die Spannung war groß!

Große Spannung – eine Steilvorlage für munteren Unterricht. Denn auch im Seminar lässt sich ein Konklave abhalten.

Voraussetzung dafür ist eine Aufgabe, bei der die Teilnehmer zu einer gemeinsamen Lösung gelangen sollen. Im Kurs „Marketing für Mittelständler“ könnte das zum Beispiel so aussehen: Am Vormittag hat der Dozent die Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Grenzen von Onlinemarketing vorgestellt. Nach dem Essen berichtet er von einem konkreten Fall: „Die Sconza-GmbH stellt seit 29 Jahren französische Genussprodukte her. Nun stellt sich die Geschäftsleitung die Frage, ob und wie Online-Marketing eine gewinnbringende Werbestrategie sein könnte. Der Dozent berichtet noch ein wenig ausführlicher über das Unternehmen. Schließlich fragt er die Teilnehmer: „Was denken Sie? Würden Sie der Sconza-GmbH Online Marketing empfehlen? Wenn ja, wie würden Sie vorgehen? Wenn nein, welche Marketingstrategien würden Sie dem Unternehmen empfehlen?“

Auf einem Flip Chart hat der Trainer die vorgestellten Fragen visualisiert. Nun könnte er den Fall im Dialog mit der Gruppe besprechen. Er könnte auch drei Teams bilden, die die Aufgabe bearbeiten und anschließend ihre Ergebnisse vorstellen. Mit beiden Wegen hat die Gruppe aber bereits gearbeitet. Deshalb entschließt sich der Referent zu folgendem Auftrag:

„Ich bitte Sie, eine gemeinsame Lösung zu den Fragen der Sconza-GmbH zu finden. Ziehen Sie sich – wie die Kardinäle bei der Papstwahl im Konklave – mit der Aufgabe zurück. Schließen Sie sich hier zusammen. Sie brauchen keinen Papst zu wählen. Ihre Aufgabe ist es, Antworten und Lösungsvorschläge zu unserer Fallfrage zu finden. Dazu werde ich Sie gleich alleine lassen. Es liegt ganz bei Ihnen, wie Sie zur Lösung kommen und wie viel Zeit Sie sich nehmen. Melden Sie sich, wenn Sie fertig sind. Ich erwarte Ihr Zeichen.“

Nach kurzer Nachfrage, ob den Teilnehmern die Aufgabe klar ist, verlässt der Dozent den Raum, schließt die Tür. Die Kardinäle bleiben allein zurück …

Das lateinische Wort „Konklave“ kommt von con claudere, gemeinsam einschließen. Natürlich werden die Teilnehmer hier nicht tatsächlich eingeschlossen. Das wäre unverantwortlich. Die Tür ist zu – und nur die Teilnehmer von innen sollen sie öffnen, wenn sie die Aufgabe gelöst haben.

Nun ist die Gruppe allein. Jetzt wird es spannend, denn alle Verantwortung liegt bei den Kardinälen. „Wer sagt den ersten Satz?“, „Wie gehen wir vor?“, „Wer moderiert?“, „Wie gelangen wir zu einer Entscheidung?“, „Wie viel Zeit nehmen wir uns?“. Das bringt Spannung in den Seminaralltag!

Ich habe schon Gruppen erlebt, die das Konklave zu Höchstformen motiviert hat. Stolz haben mir die „Kardinäle“ anschließend ihre Ideen und Lösungen präsentiert.

Und: Die muntere Methode hat es auch für uns Dozenten in sich. Denn: Mit dem Verlassen des Raumes geben wir alle Verantwortung ab. Jetzt gilt es zu vertrauen – allein die Kardinäle bestimmen, wann ihre Entscheidung fällt …

Was denken Sie zum „Konklave“? Haben Sie Lust, die Methode auszuprobieren und über Ihre Erfahrungen zu berichten? Wir sind neugierig!

Neu im Munterrichtsmethodenblog – Versuchsküche geht an den Start!

Friday, September 5th, 2008

Liebe Blog-Leser,

wir öffnen einen weiteren spannenden Raum auf unserem Blog und lassen Sie ab heute regelmäßig in unsere munterrichtsmethodische Versuchsküche spähen. Dort wird eifrig experimentiert. Unsere Zutaten sind Lernziele, Arbeitsformen, kreative Ideen, ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen sowie unsere munterrichtsmethodischen Erfahrungen im Seminaralltag. Unser Ziel: Neue Variationen, neue Kreationen entwickeln und die Sammlung der Munterrichtsmethoden laufend erweitern.

Schauen Sie uns beim Testkochen über die Schultern.
Probieren Sie unsere Versuchsrezepte.
Und berichten Sie, welche Erfahrungen, welche Ideen Sie zu unseren Testkostproben haben.

Genug der Vorworte. Jetzt wird losgekocht – heute mit dem „Konklave“. Dieses munterrichtsmethodische Experiment ist reif für die Versuchsküche. Denn damit experimentieren wir schon eine ganze Weile.

Wir freuen uns, wenn Sie aktiv „mitkochen“!

Harald Groß